Prof. Dr. Fotis Jannidis über digitales Edieren und die Geschichte von TextGrid

Was hat man sich unter einer Digitalen Edition vorzustellen?

Jannidis: Bis jetzt hat man historisch kritische Editionen erstellt, indem ein Editor den Text konstituiert; frühere Stadien des Textes kamen in den Variantenapparat. Im digitalen Bereich kann nun der Leser per Mausklick entscheiden kann, welche von mehreren Textvarianten für ihn auf den ersten Blick sichtbar sein soll und was für ihn weniger wichtig ist. Er kann auch zwischen der eingescannten Handschrift und einer Version mit modernem Schriftbild hin und her wechseln. Oder er kann sich Anmerkungen und andere Textvarianten auf den Bildschirm holen, ohne sich wie bei einer gedruckten Ausgabe mühevoll in ein komplexes System von Sonderzeichen einzuarbeiten. Um den Textentstehungsprozess nachzuvollziehen, kann die Darstellung sogar dynamisiert präsentiert werden, so dass sich die verschiedenen Varianten vor den Augen des Lesers aufbauen. Die Visualisierung ist eine der ganz großen Chancen der digitalen Edition.

Wird man in Zukunft ausschließlich digital edieren?

Jannidis: Voraussichtlich wird es noch längere Zeit beides geben, digitale und Druckedition. Aber auch alle gedruckten Editionen entstehen digital und die Möglichkeiten, die man mit digitalen Editionen hat – z.B. darin suchen, sie zu verbessern, sie für andere Zwecke weiterzuverwenden –, hat man mit gedruckten nicht.

Wie sind Sie zu TextGrid gekommen?

Jannidis: Seit 30 Jahren arbeiten Editionswissenschaftler mit dem Computerprogrammsystem TUSTEP, das über all die Jahre gepflegt und weiterentwickelt wurde und sehr bewährt ist. Aber die Benutzeroberflächen entsprechen dem Standard der 70er Jahre. Deshalb war ich mit einigen Kollegen auf der Suche nach einem neuen Arbeitsmittel, das benutzerfreundlicher sein und auch das gemeinschaftliche Arbeiten Mehrerer ermöglichen sollte. Da wurden wir auf die D-Grid-Initiative aufmerksam und erkannten schnell, dass uns die Grid-Technologie eine Chance bietet, eine neue Generation von vernetzten Werkzeugen zu schaffen.

Sie hofften also, hier ein Set von Tools oder Werkzeugen für Ihre Belange zu entwickeln …

Jannidis: Zunächst ja, doch bald wurde uns klar, dass es um wesentlich mehr geht: um eine virtuelle Arbeitsumgebung für Geisteswissenschaftler. Innerhalb dieser Arbeitsumgebung werden ganz unterschiedliche Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Diese Werkzeuge reichen für viele Zwecke aus, aber wenn die besonderen Bedürfnisse eines Projekts sich einmal nicht befriedigen lassen, dann kann es entweder die vorhandenen Werkzeuge weiterentwickeln oder neue Werkzeuge in TextGrid integrieren, da TextGrid unter einer Open Source Lizenz steht. Außerdem ist TextGrid aber auch eine Arbeitsumgebung, in der man seine Daten aufbewahren kann und weiß, dass sie sicher verwahrt werden.

Gibt es ähnliche Entwicklungen außerhalb Deutschlands?

Jannidis: TextGrid ist wahrscheinlich eines der avanciertesten Projekte dieser Art, das es weltweit gibt. Es gibt Ähnliches, aber mit der Realisierung der Infrastrukturen ist TextGrid am weitesten fortgeschritten – daher das große Interesse Anderer, mit uns zusammenzuarbeiten. Inzwischen ist TextGrid Kern eines EU-Projekts geworden, in dem es darum geht, eine Infrastruktur für elektronische Editionen aufzubauen. Das, was wir jetzt erarbeiten, soll gleichzeitig für Andere nachnutzbar sein. Nicht nur die Forschungsergebnisse, sondern auch die Werkzeuge und Services. Umgekehrt versuchen wir, Services (also Programme, die über das Internet angesprochen werden), die Andere entwickeln, bei uns einzubinden. Vielen von uns, die wir an der Entwicklung von Software für die Geisteswissenschaften arbeiten, ist inzwischen klar, dass wir zwar an vielen Stellen an ähnlichen Projekten arbeiten, dass die Menge der Beteiligten aber insgesamt überschaubar ist und es völlig sinnlos wäre, dieselben Werkzeuge zweimal zu erfinden und sich häufig die Mühe lohnt, sich die Arbeit zu teilen.

Wie werden die digitalen Untersuchungsmethoden Ihr Fach verändern?

Jannidis: Die Editionswissenschaft hat sich schon grundlegend geändert. Digitale Editionen sind heute ein intensiv bearbeitetes Forschungsfeld und mit jedem Fortschritt werden nicht nur neue Möglichkeiten sichtbar, sondern es werden auch neue Fragen aufgeworfen. Mit quantitativen Verfahren zur Textanalyse, um ein weiteres Forschungsfeld anzusprechen, haben wir inzwischen ein Instrument, das es erlaubt, alte Fragen neu und auf einer breiteren Textbasis zu beantworten. Wichtiger aber noch: Wir können ganz neue Fragen stellen. Mittel- und Langfristig wird sich das Fach dadurch ein neues Gesicht bekommen, und für einige von uns hat sich das Fach schon grundlegend verändert. Aber nicht alle Literaturwissenschaftler sind bereit, sich mit diesen neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Es gibt viele Vorbehalte und gegenüber empirischen Verfahren auch offene Feindseligkeit.

Wie stellen Sie sich das Arbeiten mit TextGrid vor, wenn es fertig entwickelt ist?

Jannidis: Zum einen erhoffe ich mir von TextGrid, ein einfach zu nutzendes Instrument zur Erstellung von Editionen zu sein, das sich flexibel den vielen Anforderungen anpassen lässt und zugleich die Beständigkeit und nachhaltige Nutzbarkeit der edierten Daten garantiert. Zum anderen wünsche ich mir, dass für die quantitative Textanalyse ein neues Instrument entsteht, denn darin sehe ich einen besondere Entwicklungschance des Faches, die Möglichkeiten der Digitalisierung und Vernetzung zu nutzen. Ein Kollege aus den USA hat die Frage so gestellt: What to do with a Million Books? Wenn es in TextGrid ein umfassendes Korpus der deutschen Literatur gibt, das mit Metadaten zur Entstehungszeit und zur Gattung ausgezeichnet ist, kann man anfangen, interessante neue Frage stellen. Wie entwickeln sich im deutschsprachigen Roman Erzählerkommentare und Formen der Redewiedergabe? Mit welchen Erzählverfahren geht die Psychologisierung des Romans einher? Wie wandern bestimmte Figurentypen, z.B. sentimentale Liebhaber, durch die Gattungen und wie verändert sich ihre Beschreibung? Grundlage solcher Studien können dann nicht nur die kanonisierte Hochliteratur, sondern auch die Populärliteratur und heute unbekanntere Texte der damaligen Eliteliteratur sein. Einiges davon können wir bald machen, einiges wird sicherlich noch einige Zeit dauern. Aber da wollen wir hin.

Die Fragen stellte Esther Lauer.

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