Dr. Oliver Schmid über das Dolmetschen zwischen InformatikerInnen und GeisteswissenschaftlerInnen und das Wesen von Betaversionen

Worin besteht Ihre Arbeit am Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften?

Schmid: Als Vermittler zwischen Informatikern und Geisteswissenschaftlern gehört das Dolmetschen zu meinen Kernaufgaben. Zum einen informiere ich die Benutzer in einer Sprache, die sie verstehen, über für sie womöglich relevante Neuerungen auf Seiten der Programmierung. Auf der anderen Seite frage ich bei den Anwendern nach, welchen Bedarf sie haben, und leite ihre Änderungswünsche an die Entwickler weiter.

War es für Sie als studierter Wirtschaftsinformatiker anfangs mühsam, sich die Sprache der Geisteswissenschaftler anzueignen?

Schmid: Was die technischen Probleme betrifft, über die wir hauptsächlich miteinander kommunizieren, gab es wenig Verständnisprobleme. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich hier am Kompetenzzentrum hauptsächlich mit Geisteswissenschaftlern zu tun habe, die schon länger mit digitalen Methoden arbeiten und sich dadurch am Computer nicht völlig fremd fühlen, auch wenn es nicht ihre Heimat ist. Trotzdem kann es zu sprachlichen Missverständnissen kommen. So muss man beispielsweise bei Begriffen wie „Editor“ aufpassen, da es sich für Geisteswissenschaftler primär um eine Person aus dem Verlagswesen handelt, Informatiker darunter hingegen eine Software zur Datenbearbeitung verstehen. Kürzlich haben wir zudem eine Möglichkeit entwickelt, digitale Objekte aus verschiedenen Projekten zusammenzufassen, die wir Sammlung nennen wollten. In der Zusammenarbeit mit Bibliothekaren hat dies allerdings zu Verständigungsschwierigkeiten geführt, da im Bibliotheksumfeld der Begriff für die Zusammenstellung von Werken eines einzelnen Autors gebraucht wird.

Wie hört sich das an, wenn Sie dolmetschen?

Schmid: Meist geht es darum, Fachtermini in eine normale Umgangssprache zu übersetzen und technische Abläufe beispielsweise mit sprachlichen Bildern allgemein verständlich zu machen. So lassen sich die Projekte und Objekte in TextGrid sehr gut mit dem Vergleich zu Verzeichnissen und Dateien im Betriebssystem erklären. Oder ich versuche zu übersetzen, wenn jemand in der „Hilfe“ über Wörter stolpert, die ihm eigentlich helfen sollten, wie beispielsweise der Begriff „cross-domain single sign-on“. Er ist wenig hilfreich, wenn man nicht versteht, was einem da vorgeschlagen wird. Dabei versteckt sich dahinter etwas sehr Praktisches: Normalerweise hat man als Benutzer auf verschiedenen Servern jeweils unterschiedliche Passwörter. Und häufig zerbricht man sich den Kopf, welches gerade aktuell passt. Deshalb gibt es die Möglichkeit, bei Serverlandschaften mit „Single Sign-on“ zu sagen: egal, wo man sich anmeldet, es ist immer dasselbe Passwort - wie ein Universalschlüssel. Das gibt es auch in Bezug auf das TextGridLab. Mit Single Sign-on muss der Benutzer sich keine Gedanken darüber machen, auf welchen Server er gerade zugreift, sondern kann mit dem einen Passwort, das er hat, auf alle Services zugreifen und sowohl Daten suchen, als auch bestimmte Funktionen der Software nutzen. Hier sehe ich eine Aufgabe, die wir noch in Angriff nehmen müssen: Die „Hilfe“ so zu formulieren, dass auch ein Nicht-Informatiker in der Lage ist, zu verstehen, worum es eigentlich geht.

Arbeiten Sie auch mit an den Tutorials, den Gebrauchsanweisungen für die Programme?

Schmid: Ja. Dafür haben wir jetzt angefangen, ein Wörterbuch zu entwickeln, um systematisch immer die gleichen Worte zu verwenden und zu vermeiden, zwischen mehreren Synonymen wie z. B. „Ordner“ und „Verzeichnis“ hin und herzuwechseln, damit sich die Anwender keine Gedanken machen müssen, ob nun eines der Synonyme eine andere Nuance hat.

Ist es normalerweise so, dass die Anwender sich mit einer Bitte an Sie wenden oder bieten Ihnen eher die Entwickler neue Techniken an, damit Sie für sie herausfinden, wie sie eingesetzt werden können?

Schmid: Beides kommt vor. Wir treffen uns auch mit beiden Seiten zu Sitzungen über bestimmte Anwendungsfelder. Als Beispiel kann ich da unseren Text- Bild-Link-Editor nennen: In den Sitzungen diskutieren wir, welche Fähigkeiten die Software haben soll. Die Philologen beschreiben uns ihre Arbeit und kommen mit konkreten Fragen, beispielsweise ob die Schrift immer zum Bildschirm parallel ausgerichtet sein muss. Kann sie auch mal schräg oder gar kreuz und quer sein und mit Randbemerkungen versehen, wie bei manchen Handschriften? Es gibt auch Schriftsteller, die, am Ende eines Blattes angekommen, das Blatt auf den Kopf gedreht und an den Rändern weiter geschrieben haben. Die Bandbreite dieser Möglichkeiten kann man nur als Fachwissenschaftler überblicken, daher muss die Umsetzung sämtlicher Lösungsansätze mit den Informatikern durchgesprochen werden. Gerade wurden wir auch für ein konkretes Projekt um die Möglichkeit gebeten, mit dem Text-Bild-Link-Editor nicht nur ein Bild zu öffnen, sondern mehrere, damit man zum Beispiel zwischen mehreren auf jeweils separaten Bildern eingescannten Buchseiten hin und her blättern kann, ohne sie jeweils neu aufrufen und schließen zu müssen. Das war ein Wunsch, den wir vorher so nicht bedacht hatten. Nun können wir uns Gedanken machen, was technisch machbar ist, und wie wir es umsetzen, damit der Anwender eine intuitive Steuerung hat.

An der intuitiven Steuerung ist in der Beta Version wohl noch zu feilen …

Schmid: Wir müssen hoffen, dass den Benutzern klar ist, dass sich das TextGridLab in der Entwicklung befindet und damit bislang keine fertige Software ist. Es treten gelegentlich noch Fehler auf und auch die Menüführung ist noch nicht perfekt. Wir planen derzeit, die Benutzeroberfläche anzugleichen, damit die einzelnen Tools von der Bedienbarkeit ähnlicher werden. Zum Teil sind in der Menüstruktur auch noch Menüpunkte enthalten, die für den Benutzer nicht relevant sind, aber für den Programmierer. Solche Dinge muten bei einer Beta-Version etwas unbeholfen und nicht ganz ausgereift an. Es ist eben eine Software in der kontinuierlichen Entwicklung und Verbesserung, und für diese Verbesserung brauchen wir das permanente Feedback von den Benutzern.

Wie häufig kommen neue Versionen heraus?

Schmid: Alle zwei bis drei Monate. Die jeweils aktuelle Version wird auf unserer Homepage angekündigt und ist dort verlinkt.

Die Fragen stellte Esther Lauer.

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