Dr. Sigrun Eckelmann über virtuelle Forschungsumgebungen und Veränderungen der innerwissenschaftlichen Kommunikation

Seit wann spricht man von Virtuellen Forschungsumgebungen und seit wann werden sie von der DFG gefördert?

Eckelmann: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert diesen Bereich bereits seit dem Jahr 2000. Damit waren wir der Zeit durchaus voraus. Den Begriff „Virtuelle Forschungsumgebungen“ gab es noch gar nicht; wir sprachen damals von „Themenorientierten Informationsnetzen“, also digitalen Plattformen, auf denen gemeinschaftlich erarbeitete Informationen im Netz abgelegt und auch weiter bearbeitet werden konnten. Da es die Web 2.0-Techniken noch nicht gab, waren die Möglichkeiten begrenzt. Aber das Thema Informationsnetze war durchaus virulent und wurde gefördert. Den Begriff „Virtuelle Forschungsumgebungen“ haben wir im Sommer 2006 in einem DFG-Positionspapier erstmals verwendet.

Was ist eine Virtuelle Forschungsumgebung?

Eckelmann: Eine Virtuelle Forschungsumgebung, wie ich sie heute sehe, ist ein Instrument zur Unterstützung der gemeinschaftlichen Arbeit einer begrenzten Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an einem gemeinsamen Thema arbeiten. Virtuelle Forschungsumgebungen bieten in ihrem Kern Dienstleistungen und Werkzeuge, in die die einzelnen Forschungsgruppen spezifische Konfigurationen und Erweiterungen integrieren können. So können räumlich verteilte Forscher, Forschungsgegenstände, Forschungsprozesse und Forschungsergebnisse in kooperative Prozesse eingebunden werden. Im Idealfall tragen virtuelle Forschungsumgebungen nicht nur zur Effizienzsteigerung bei, sondern können auch neue Forschungsqualitäten erzeugen, indem sie „grenzüberschreitende“ Forschungsaktivitäten ermöglichen. Solche Grenzüberschreitungen können regionaler oder disziplinärer Natur sein, aber zum Beispiel auch die Grenze zwischen Forschungs- und Publikationsprozess betreffen. Es gibt also jeweils eine Basis-Plattform oder Basisseite, von der aus Verbindungen zu den Arbeitsplätzen weiterer Wissenschaftler einerseits wie auch zu weiteren relevanten Quellen hergestellt werden. Auch wissenschaftliche Methoden, insofern sie netzbasiert funktionieren, können auf der Seite abgelegt werden.

Sie scheinen den Virtuellen Arbeitsumgebungen eine große Bedeutung zuzumessen.

Eckelmann: Ja, weil sich die Art, wie die Wissenschaftler ihre Forschungstätigkeit organisieren – als Individuen, aber vor allem auch als Gruppe – durch die Kommunikation über das Internet gravierend und grundlegend geändert hat und noch weiter verändern wird. Früher haben die Wissenschaftler eher unabhängig von anderen Fachwissenschaftlern gearbeitet und sich vorrangig mit den Kollegen am eigenen Institut ausgetauscht. Darüber hinaus fuhren sie zu Konferenzen und trafen dort mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus anderen Forschungsstandorten zusammen. Es gab zwar auch ortsverteilte Kooperationen, aber die waren wesentlich umständlicher zu organisieren, denn Papiere und später Disketten mussten per Post hin und hergeschickt werden.

Bringen die neuen Techniken durch die Beschleunigung nicht vorrangig quantitative Veränderungen und weniger qualitative?

Eckelmann: Es gilt beides: Die Zusammenarbeit wird dadurch erheblich erleichtert und beschleunigt, dass man leicht orts- und zeitunabhängig Informationen austauschen kann. Aber auch die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit ändert sich, denn die digitalen Techniken ermöglichen neue Forschungsmethoden und -inhalte. Meines Erachtens werden die Auswirkungen auf die Kultur des wissenschaftlichen Arbeitens, sofern sie durch die Formen der Kommunikation beeinflusst werden, von den Wissenschaftlern selber noch nicht in vollem Umfang wahrgenommen und reflektiert. Der Wandel scheint mir aber tiefgreifend, er ist noch längst nicht abgeschlossen; er zeigt die stärksten Veränderungen im Gefüge der Wissenschaftlergemeinschaften möglicherweise bei den Geisteswissenschaften. Es wäre wichtig, dieser Frage einmal systematisch nachzugehen.

Sehen Sie hier wesentliche Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften?

Eckelmann: Die virtuellen Forschungsumgebungen sind vielleicht eher etwas, was die beiden wieder zusammenführt. Ich sehe in der Tat kein trennendes Element, sondern eher ein verbindendes, und das ist auch unsere Hoffnung und unser Förderziel: dass die Virtuellen Forschungsumgebungen die Entwicklung interdisziplinärer Forschungsgemeinschaften erleichtern. Neuerdings gibt es Gemeinschaftsprojekte von Disziplinen, die früher nichts miteinander zu tun hatten, zum Beispiel Linguisten und Biologen oder Klimaforscher und Historiker. So etwas ist jetzt möglich und das ist eine gravierende qualitative Änderung.

Brauchen wir dafür einen Generationenwechsel?

Eckelmann: Ich denke nicht, dass es eine Frage der Generation ist. Es gab immer Forscher, die eher dazu neigten, allein und nicht im Team zu arbeiten. Menschen, die gerne im Team arbeiten, haben es jetzt sicherlich leichter.

Ist der einzelne Forscher im Elfenbeinturm ein Ding der Vergangenheit?

Eckelmann: Es hat und wird auch in Zukunft immer „Einzelforscher“ geben und die sollten wir uns auch bewahren. Das ist meine persönliche Meinung. Sie haben in der Vergangenheit schließlich hervorragende Ergebnisse hervorgebracht. Es ist ja beileibe nicht so, dass das Individuum in der heutigen Zeit nichts mehr leisten könne. Im Gegenteil: Auch die Arbeit im Team hängt ganz wesentlich von der Initiative der einzelnen Mitglieder ab, und sicherlich nicht zuletzt auch von der Einzelleistung eines Sprechers/Leiters des Teams.

In der DFG entscheiden Gremien über die Mittelvergabe. Deren Mitglieder reisen an, tagen, holen Gutachten ein und tagen denn wieder. Das sind relativ langsame Reaktionszyklen. Können Sie mit dem Tempo der Beschleunigung der technischen Entwicklung mithalten?

Eckelmann: Die Entwicklung überrollt uns insofern nicht, als wir mit den Förderangeboten offenbar schnell genug und manchmal sogar weit vor der Zeit sind. Es darf nicht vergessen werden, dass die Beschleunigung der Arbeitsabläufe, die die Technik ermöglicht, die Arbeit an sich nicht beschleunigt. Ein Gutachten muss geschrieben werden; dafür muss der Kopf denken. Das Denktempo hat sich nicht verändert. Die Qualität der neuen Arbeitsformen liegt daher weniger in der Beschleunigung als vielmehr in den neuen inhaltlichen Möglichkeiten.

Tagen die Gremien noch physisch oder trifft man sich rein virtuell?

Eckelmann: Unsere Gremien treffen sich in aller Regel persönlich. Wenn man eine sehr konkrete, kurze Frage besprechen muss, ist eine Telefon- oder Videokonferenz mit einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich gut kennen, sicherlich sehr hilfreich. Aber eine Gruppe von Gutachterinnen und Gutachtern, die sich in dieser Zusammensetzung erstmals trifft, um Anträge zu begutachten, würde ich kaum per Videokonferenz tagen lassen. Für gute Entscheidungsfindungen benötigen wir auch den Gedankenaustausch, die Gespräche, die man in den kurzen Pausen nebenbei führt. Auch sind Sicherheitsstandards bei Online-Verhandlungen schwerer einzuhalten. Immerhin geht es meist um große Summen, da ist es wichtig, dass Vertraulichkeit gewährt ist.

Was sollte an der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Informationsfachleuten noch verbessert werden?

Eckelmann: Wir wünschen uns, dass vor allem im Hinblick auf die Virtuellen Forschungsumgebungen Wissenschaftler auf der einen und Informationsspezialisten aus Bibliotheken oder Rechenzentren auf der anderen Seite gemeinschaftlich die Ziele und Methoden erarbeiten. Die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Gruppen war bisher eher schwierig. Das sind zwei getrennte Welten, die sich nicht besonders mögen; sie kennen sich viel zu wenig. Schon die Sprachen der jeweiligen Gruppen sind sehr unterschiedlich, so dass es leicht zu Missverständnissen kommt. Vielen Anträgen sieht man an, dass sie entweder von einem Wissenschaftler geschrieben wurden und die Bibliothek sich – grob gesagt – „angehängt“ hat und umgekehrt. Uns geht es darum, dass beide Seiten gemeinsam integrativ verknüpft Ideen entwickeln. Die bisherige Erfahrung hat sehr klar gezeigt, dass diejenigen Projekte am erfolgreichsten abschließen, in denen beide Seiten gleichberechtigt und auf gleicher Augenhöhe zusammenarbeiten. Die Probleme, denen wir heute bei der Gestaltung der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation begegnen, lassen sich nicht von der einen Seite oder der anderen Seite allein lösen. Die Kompetenzen beider Seiten sind unabwendbar erforderlich.

Welche Rolle sollten zukünftig Bibliothekare als Hüter traditioneller Forschungsumgebungen spielen?

Eckelmann: Ich kann mir keine dauerhaften Virtuellen Forschungsumgebungen ohne die Beteiligungen von Bibliotheken oder Rechenzentren vorstellen. Sie bringen die Kompetenzen mit ein, die für das Informationen-Management im engeren Sinne erforderlich sind. Sie haben die Erfahrung mit technischen und organisatorischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, so dass die Struktur stabil ist und nicht bei kleineren Belastungen abstürzt. Ich sehe nicht, dass diese Entwicklungen an den Bibliotheken vorbei gingen. Allerdings ist die Einsicht darin, dass sie eine aktive Rolle übernehmen sollen oder müssen, nach meiner Wahrnehmung in Deutschland noch nicht weit genug verbreitet. Da ist noch Informations- und Überzeugungsarbeit zu leisten

Die Fragen stellte Esther Lauer.

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