Dr. Tobias Blanke über Grid-Projekte in Großbritannien und die Zusammenarbeit mit TextGrid

Seit wann setzt man in Großbritannien auf Grid-Technik?

Blanke: Für die Naturwissenschaften gab es in Großbritannien seit Anfang 2001 eine Grid-Initiative, die mit sehr viel Geld ausgestattet wurde. Anfangs dachte man vor allem über die technischen Probleme nach, weil man glaubte, man müsse nur die richtigen Technologien installieren, dann würden alle Wissenschaftler mitmachen und die Wissenschaft neu erfinden. Aber so funktioniert das nie. Die Anwendung jeder Technologie ist immer auch eine soziale Angelegenheit. Die Grid-Utopie vom ungehinderten Daten- und Ressourcenaustausch, der allein dadurch ermöglicht wird, dass man eine technische Verbindung zwischen mehreren einzelnen Computern baut, konnte jedoch allein mit einer Technik-Offensive nicht verwirklicht werden, weil es zu viele soziale Probleme und unterschiedliche Detailbedürfnisse gab. Seither ist die Grid-Initiative mehr ein Gemeinschaftsprojekt aller Wissenschaften, das viel Forschung über die sozialen Aspekte von Technologien beinhaltet, mit unglaublich vielen Anwendungen für diese Detailbedürfnisse. Die Ergebnisse waren daher nur andere als man ursprünglich geplant hatte …

Den Geisteswissenschaften war es zunächst formal nicht möglich, im Rahmen dieses Grid-Projekts Mittel zu beantragen. Die „Arts and Humanities“ hatten bis 2005 nicht den Status eines Research Council – das ist so etwas Ähnliches wie in Deutschland die DFG - und waren daher nicht beim Grid-Projekt als Antragsteller zugelassen. Nach der Aufwertung zum Research Council sind sie dann etwa zur gleichen Zeit in die britische Grid-Initiative eingestiegen, als sich in Deutschland TextGrid formierte. Allerdings gab es unterschiedliche Ansätze: Während TextGrid ein sehr umfassendes Großprojekt ist, hatten wir viele kleine Projekte. Der relativ späte Einstieg hat uns die überzogenen Erwartungen der Anfangsjahre erspart, denn inzwischen war es klarer, was Grid-Technologie leisten kann und was nicht.

Wie verändert der Einsatz von e-Science-Methoden die Geisteswissenschaften?

Blanke: „Science“ meint auf Englisch anders als auf Deutsch ausschließlich Natur-Wissenschaften. Wenn wir also von „e-Science“ in den Geisteswissenschaften sprechen, beinhaltet das auf Englisch mehr als die reine Anwendung digitaler Technologien. Er bedeutet, dass auch Geisteswissenschaftler mit „scientific“, also naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten. So war die massive Förderung von e-Science in den Geisteswissenschaften in erster Linie ein methodologisches Experiment.

Kann man sagen, dass die Geisteswissenschaften um Anerkennung ringen?

Blanke: Seit dem rasanten Aufstieg der Naturwissenschaften im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert haben die Geisteswissenschaften an gesellschaftlicher Bedeutung verloren. Seither führen sie diesen Anerkennungskampf. Er wirkt sich je nach Disziplin unterschiedlich aus: In der Philosophie beispielsweise beschäftigt man sich seither verstärkt mit Wissenschaftsgeschichte und Logik. Ich denke aber, es ist an der Zeit, die alten Grabenkämpfe hinter uns zu lassen. Man kann zu wirklich interessanten Ergebnissen gelangen, wenn man sich nicht in die ideologische Debatte begibt, ob heute alle Geisteswissenschaftler mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten müssen, sondern unvoreingenommen betrachtet, welchen Beitrag die neuen Techniken tatsächlich leisten können. Es ist bemerkenswert, was Computer alles können. Auch wenn man meint, geisteswissenschaftliche Gegenstände seien zu komplex und kontextabhängig, um mit digitalen Methoden erfasst zu werden, muss man zugeben, dass Computer, im großen Stil eingesetzt, erstaunlich viel herausfinden.

Was haben Computer intelligenten lesenden Menschen voraus?

Blanke: Menschen sind im Anschauen von Dingen viel besser als Maschinen, denn die künstliche Intelligenz ist bisher beim Auflösen von komplexen Zusammenhängen in einfachere nicht besonders weit gekommen. Das ist eine Spezialität von uns Menschen. Maschinen können aber nicht nur wesentlich größere Datenmengen durcharbeiten als wir, die digital erworbenen Ergebnisse sind häufig auch konsistenter. Wenn ein Mensch einen Text anschaut und relevante Stellen sammelt, so können die verschiedenen Stellen in ganz unterschiedlicher Weise für ihn relevant sein. Ein Computer folgt dagegen immer demselben Algorithmus, und findet auch immer dasselbe raus.

Gibt es Verbindungen der britischen Grid-Projekte mit TextGrid?

Blanke: Wir haben am Kings College die vielleicht etablierteste Forschungseinrichtung für Digital Humanities der Welt, das Center for Computing in the Humanities (CCH). Dort werden tagein tagaus semantische Annotationen und digitale Publikationen dieser Annotationen und von Texten und Datenbanken erstellt. Ich selbst arbeite für das Centre for e-Research, das sich auch mit Science-Anwendungen befasst. Seit einem Jahr haben wir ein Projekt, in dem wir ausprobieren, wie die Applikationsanwendung von TextGrid in so einem etablierten Institut funktionieren könnte. Wir waren sehr erpicht auf die Zusammenarbeit mit TextGrid, weil es eine Community-Anbindung hat und wir die Praxis erkennen, die es zu simulieren versucht, ohne den Anspruch, eine neue Geisteswissenschaft zu erfinden. Vor dem Hintergrund der anfangs mit Grid verbundenen überzogenen Hoffnungen wissen wir heute, dass man viel mehr in Communities investieren muss. Was ich an TextGrid besonders schätze, ist, dass hier mit einer Gruppe von Editionswissenschaftlern diese Community schon bestand, die aus sich heraus ein Interesse daran hatte, TextGrid aufzubauen. Ich sehe viele Architekturdiagramme in meiner Arbeit, – Schichtenmodelle, Infrastrukturen, die vor allem Informatiker interessieren – was man selten sieht, ist, dass Informatiker und Geisteswissenschaften zusammen derart zielsicher an der Entwicklung von Produkten arbeiten.

Die Fragen stellte Esther Lauer.

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